Was bedeutet „innere Nachhaltigkeit“? Die innere Nachhaltigkeit beschäftigt sich mit den inneren Dimensionen der Nachhaltigkeit. Hier beschäftigen wir uns mit den Inner Development Goals und was sich bei Gewohnheitsveränderungen im Gehirn tut.
Inner Development Goals
Clara Mehringer führt uns durch die Inner Development Goals.
Kennst du das Buch von Erich Fromm „Sein oder Haben“? Es beschäftigt sich mit zwei Grundhaltungen des Lebens, den Antipoden materieller Besitz und innerer Reichtum, und lädt dazu ein, all das, was wir Menschen so im Außen haben zu hinterfragen. Denn es führt meistens nicht zu dem Outcome, den wir uns dadurch erhoffen. Wir wissen eh schon, dass materieller Zuwachs und wirtschaftlicher Erfolg nicht zu mehr Wohlbefinden und Glücklichsein führt. Und so fasst es auch Thomas Björkmann zusammen, der sich viel mit der Schnittstelle von innerem persönlichen Wachstum und einer nachhaltigen Welt beschäftigt:
„Menschsein hat viele Dimensionen. In den letzten 100 Jahren haben wir vor allem die äußere Welt erforscht. Doch wir sind an einem Punkt angekommen, an dem diese äußere Perspektive durch eine innere ergänzt werden muss.“
Und in einer Nachhaltigkeitswelt, die von Ohnmachtsgefühl, Zukunftsangst und Frustration über die nicht-nachhaltige Entwicklung geprägt ist, und viele sich fragen, warum sie sich eigentlich noch einbringen für eine positive Welt, sind Fragen, die nicht nach außen gerichtet sind, sondern nach innen schauen wichtiger denn je.
Übrigens hat die bekannte Nachhaltigkeitsforscherin Donella Meadows schon 1999 in ihrem Aufsatz über Hebelpunkte für eine nachhaltige Welt festgehalten, dass die höchste Wirksamkeit für Nachhaltigkeitstransformation nicht Verbote, Gesetze oder andere Zahlen sondern das Mindset, das hinter dem System steht. Den Artikel findest du hier: Leverage Points: Places to Intervene in a System – The Donella Meadows Project.
Inneres Wachstum darf größer werden. Vielleicht brauchen wir Menschen dann weniger Wachstum im Außen. Widmen wir uns also diesem Teil der inneren Nachhaltigkeit und geben uns selbst den Raum zu wachsen, uns selbst besser kennenzulernen und diesen viel zu unterschätzten – dafür dass er so powerful sein kann – Bereich der Nachhaltigkeit.
Dafür orientieren wir uns an einem Framework, das – ähnlich wie die SDGs – einen Rahmen für diese inneren Themen bietet:
Die Inner Development Goals (IDG)!
Das erste Inner Development Goal beschäftigt sich mit der Dimension des Seins und welche Beziehung man zu sich selbst hat. Das Ziel ist, dein inneres Leben, dein Mindset und deine Gedanken so zu kultivieren, dass sie dich in deine innere Kraft bringen. Das ist relevant, weil es bei innerer Nachhaltigkeit genau darum geht, zu spüren, wer man ist, wie man sich fühlt und wie man in seinem Leben verankert ist, bevor man irgendetwas anderes tut. Kurz zusammengefasst bedeutet das: alles, was wir im Außen verändern wollen — Gewohnheiten, Entscheidungen, Verhalten — wird viel schwieriger, wenn wir innerlich erschöpft, gestresst oder überfordert sind. Das IDG „Sein“ hat 5 Dimensionen: Innerer Kompass, Integrität & Authentizität, Offenheit & Lernbereitschaft, Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit.
Die Dimension des „Seins“ sorgt dafür, dass wir mentale und emotionale Ressourcen haben, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Was bei all den wunderbaren Menschen, die sich für eine nachhaltige Welt einsetzen, oft zu beobachten ist: Viele fühlen sich überfordert von den vielen Möglichkeiten, Nachhaltigkeit möglich zu machen, sie haben häufig Schuldgefühlen und hängen in Zukunftsängsten fest. Vielleicht kennst du das auch von dir? Das erste IDG lädt dich ein, erstmal bei dir selbst anzukommen, statt sofort in Aktion zu gehen. Es hilft, klarer zu spüren, was wirklich passt, und nicht nur nach außen zu reagieren. Damit du das direkt umsetzen kannst, findest du hier wichtige und transformative Reflexionsfragen. Du bist herzlich dazu eingeladen, dir ein Stift und ein Papier zu nehmen und einfach mal drauf loszuschreiben, um in deine Kreativität und innere Kraft zu kommen!
– Wie gut ist meine Beziehung zu mir selbst?
– Wie gehe ich mit meinen Werten und meinen Gefühlen um?
– Wo gehe ich gerade über meine Grenzen?
– Was begeistert mich gerade?
Das zweite der IDGs dreht sich rund um das Thema „Denken“ und fasst die Fähigkeiten zusammen, die wichtig sind, um mit die Komplexität unserer heutigen Welt gut klarzukommen und sie zu verstehen. Unsere Gedanken beeinflussen, wie wir die Welt und uns selbst wahrnehmen. Wer ständig in „Alles-oder-nichts“-Schleifen steckt („Ich müsste meinen Alltag perfekt umsetzen, sonst lohnt es sich nicht“), fühlt sich schnell überfordert oder blockiert. IDG 2 hilft, klarer zu sehen, welche Gedanken uns stressen und welche uns stärken. So können wir nachhaltige Entscheidungen treffen, ohne uns selbst kleinzumachen. Hier sind auch 5 Fähigkeiten vertreten: Kritisches Denken, Komplexitätsbewusstsein, Perspektivenvielfalt, Sinnstiftung, Langfristige Orientierung & Visionen.
Die zweite IDG-Dimension ist für das eigene Leben deshalb wichtig, weil sie beschreibt, wie man innerlich mit einer komplexen, widersprüchlichen Realität umgeht. Es geht nicht um Intelligenz oder „richtiges Denken“, sondern darum, Gefühl, Meinung und Tatsache unterscheiden zu können. Ohne diese Fähigkeit übernimmt man leicht fremde Narrative, reagiert schneller emotional und fühlt sich innerlich instabil oder angegriffen. Kritisches Denken schafft hier Abstand und Klarheit. Durch Sinnstiftung und langfristige Orientierung entsteht innere Klarheit, was das Nervensystem entlastet und Überforderung reduziert. Perspektivenvielfalt und Komplexitätsbewusstsein verhindern Selbstkritik und Reizüberflutung, weil nicht alles persönlich oder sofort lösbar genommen werden muss. Insgesamt ermöglicht diese Dimension innere Stabilität und Handlungsfähigkeit in einer Welt ohne einfache Antworten. Lass uns das gleich Üben! Nimm dir wieder Stift und Papier und antworte wie beim Journalen auf diese Fragen:
– Wie offen bin ich gegenüber Neuem und Unbekanntem?
– Wie leicht fällt mir langfristiges Denken?
– An welcher Vision orientiere ich mich bei Nachhaltigkeit? Warum mache ich so viel für Nachhaltigkeit?
Nun kommen wir zum dritten IDG: Beziehung! Die Fähigkeiten, die hier zusammengefasst sind drehen sich um die Frage, wie wir als Menschen mit der Welt und mit anderen Wesen in Beziehung treten. Denn: Nachhaltigkeit passiert nicht alleine. Beziehungen zu Menschen, Natur, Gemeinschaften geben Rückhalt und Orientierung. IDG 3 zeigt, wie wichtig es ist, mit anderen verbunden zu sein, um sich nicht von Überforderung oder Perfektionsdruck isolieren zu lassen. Wichtige Fähigkeiten sind hier: Empathie & Mitgefühl, Verbundenheit, Demut, Wertschätzung von Vielfalt, Vertrauen.
Diese Fähigkeiten sind deshalb so kraftvoll, weil sie verhindern, dass Nachhaltigkeit zu einem individuellen Leistungsprojekt wird. Wer sich verbunden fühlt, muss nicht alles alleine tragen, lösen oder richtig machen. Beziehung schafft Entlastung: Emotionale Verantwortung wird geteilt, Perspektiven erweitern sich und das Gefühl von Getrenntsein nimmt ab. Gleichzeitig ermöglichen diese Fähigkeiten, Unterschiede auszuhalten – ohne sich selbst oder andere abzuwerten. Statt Vergleich und Rechtfertigung entsteht Orientierung durch Beziehung. IDG 3 macht damit deutlich, dass innere Stabilität nicht nur aus Selbstregulation entsteht, sondern aus dem Erleben von Zugehörigkeit. Gerade in komplexen Veränderungsprozessen ist Beziehung kein „Nice-to-have“, sondern eine zentrale Ressource, um langfristig handlungsfähig und innerlich nachhaltig zu bleiben.
– Wann hast du das letzte Mal Wertschätzung ausgedrückt mit einem einfachen, ehrlichen, authentischen „Danke!“?
– Welche Menschen in deinem Umfeld lösen in dir negative Gefühle aus, wenn du an sie denkst?
– Was schätzt du an der Natur?
Nun kommen wir zum vierten IDG: Zusammenarbeiten! Die Fähigkeiten, die hier zusammengefasst sind, drehen sich um die Frage, wie wir als Menschen gemeinsam mit anderen handeln, Ideen entwickeln und Verantwortung teilen. Nachhaltige Veränderung gelingt nicht isoliert – sie braucht Teams, Netzwerke und Kooperation. IDG 4 zeigt, wie wichtig es ist, aktiv Beziehungen zu gestalten, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln und sich gegenseitig zu unterstützen. Wichtige Fähigkeiten sind hier: Kommunikationsfähigkeit, Ko-Kreation, inklusive Haltung, Konfliktfähigkeit, Beziehungsaufbau.
Diese Fähigkeiten sind deshalb so kraftvoll, weil sie es ermöglichen, dass Zusammenarbeit nicht in Chaos, Missverständnissen oder Konkurrenzdenken endet. Wer gut zusammenarbeitet, kann Ideen teilen, Perspektiven kombinieren und Konflikte konstruktiv lösen, ohne dass die Motivation verloren geht. Inklusion und Ko-Kreation sorgen dafür, dass alle Stimmen gehört werden und dass Ergebnisse gemeinsam getragen werden. IDG 4 macht deutlich, dass echte Wirkung dann entsteht, wenn Menschen ihre Kräfte bündeln – und dass Kooperation selbst eine Ressource ist, die innere Stabilität, Orientierung und Handlungskraft stärkt. Gerade in komplexen Projekten oder gesellschaftlichen Transformationsprozessen ist Zusammenarbeiten kein „Nice-to-have“, sondern zentral, um langfristig nachhaltig zu handeln. Um diese Fähigkeiten direkt zu üben, bist du wieder herzlich eingeladen, diese Reflexionfragen zu nutzen, um direkt in die Umsetzung des IDG 4 zu gehen!
– Wann habe ich zuletzt eine Idee gemeinsam mit anderen entwickelt, die alleine nicht möglich gewesen wäre?
– In welchen Situationen habe ich in einem Team oder einer Gruppe Spannungen gespürt?
– Wie habe ich reagiert und was könnte ich das nächste Mal anders tun, um Konflikte konstruktiv zu nutzen?
Nun kommen wir zum fünften IDG: Handeln! Die Fähigkeiten, die hier zusammengefasst sind, drehen sich um die Frage, wie wir unsere Erkenntnisse, Werte und Ideen in die Welt bringen. Nachhaltigkeit gelingt nicht nur durch Wissen oder Reflexion – sie braucht die Umsetzung, die Bereitschaft, aktiv zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. IDG 5 zeigt, wie wichtig es ist, mutig ins Handeln zu kommen, um wirksame Veränderungen zu bewirken. Wichtige Fähigkeiten sind hier: Mut, Kreativität, Ausdauer & Resilienz, Handlungsfähigkeit, Verantwortungsübernahme.
Diese Fähigkeiten sind deshalb so kraftvoll, weil sie verhindern, dass gute Ideen und Einsichten nur im Kopf bleiben. Wer handeln kann, übersetzt Werte in Taten, bleibt dran, auch wenn Widerstände auftauchen, und übernimmt Verantwortung für die eigenen Entscheidungen. Kreativität sorgt dafür, neue Wege zu finden, statt sich in gewohnten Mustern zu verlieren. IDG 5 macht deutlich, dass innere Nachhaltigkeit erst durch aktives Handeln vollständig wird – wer umsetzt, lernt, wächst und stärkt gleichzeitig die eigene Fähigkeit, auch in komplexen, unsicheren Situationen stabil zu bleiben. Wenn du magst nutze nochmal die Einladung, das direkt zu üben und diese Reflexionsfragen zu beantworten:
– Wann habe ich zuletzt eine Entscheidung oder Aktion aufgeschoben, weil sie unangenehm oder unsicher war?
– In welchen Situationen bin ich trotz Widerständen oder Rückschlägen am Ball geblieben?
– Wo habe ich Verantwortung übernommen, auch wenn das Ergebnis ungewiss war?
Was tut sich bei Gewohnheitsveränderungen im Gehirn
Hier geht’s zum Download meiner (Barbara Motschiunig) Diplomarbeit zum Thema „Zukunft beginnt im Kopf“. Ich beschäftige mich darin mit den Gehirnfunktionen, Gewohnheitsveränderungen und beschreibe eine Methode, wie wir Gewohnheiten hin zu einem nachhaltigen Leben umsetzen können.
Hier die wichtigsten Fakten zusammengefasst:
- Wir brauchen ein positives Zukunftsbild, denn das aktiviert unser Belohnungssystem im Gehirn. Wir wissen die Richtung und können die nötigen Schritte gehen.
- Wissen ist gut, aber sich ständig mit den Problemen zu befassen lässt unser Gehirn darin verharren und erschwert die Änderung von Gewohnheiten. Der Fokus muss am Ziel und am Hier und Jetzt liegen.
- Unser Gehirn mag positive Formulierungen und Neuartigkeit.
- Für einen Gewohnheitswandel brauchen wir ein starkes WARUM.
- Suchen wir uns Verbündete – das kann auch eine online-Community sein.
Blog mit BOCK: Mutig ins neue Jahr
Es geht um den Mut, der uns in Verbundenheit wirkungsvoll handeln lässt – eingebettet in das aktuelle Thema: die Inner Developement Goals. Der Bock hat hier natürlich seine Version der Dimensionen skizziert.
https://www.sorrynotsorry-art.eu/de/block/mutig-ins-neue-jahr.html
von Michaela Nutz